16. Dezember

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Fabian muss Abschied nehmen 


„Guten Morgen, Flaumi“, murmelt Fabian noch etwas verschlafen. Mit geschlossenen Augen tastet er nach seinem gefiederten Freund. Doch Flaumis Nest ist leer. Fabian bekommt einen ordentlichen Schreck und mit einem Mal ist er hellwach. Er springt aus dem Bett und schaut sich um. Flaumi ist nirgends zu entdecken. Aufgeregt läuft er durch den Schlafsaal. Er sucht in und unter den Wolkenbetten. Er zieht den anderen Engelschülern die Wolkendecken weg. „Lass den Blödsinn, ich will noch schlafen! Wir haben deinen Vogel nicht versteckt!“ rufen diese entrüstet. 


Fabian lässt sich wieder in sein Wolkenbett fallen und starrt aus dem Fenster. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Dann sieht er den kleinen Piepmatz. Fröhlich tobt dieser mit Winnie, der frechen Windböe und den kleinen Wolken herum. Fabian traut seinen Augen nicht. Immer und immer wieder lässt Flaumi sich in die Wolken plumpsen. Mit Winnies Hilfe schafft er es wieder nach oben. Dort breitet er seine kleinen Flügelchen aus, flattert wie wild damit auf und ab und landet wieder in den Wolken. Fabians Herz schlägt bis zum Hals. Was, wenn sich sein kleiner Freund verletzt? Er brüllt aus dem geöffneten Fenster: „Flaumi, pass auf, du stürzt ab!“ Doch Flaumi beachtet ihn gar nicht. Sein fröhliches Piepsen ist im gesamten Himmel zu hören. Selbst die Sonne hält auf ihrer langen Reise kurz inne und schaut dem fröhlichen Treiben zu. Dann sagt sie zu dem jungen Engelschüler: „Na, na, kleiner Fabian! Du musst keine Angst haben. Flaumi wird sich nicht wehtun. Dein kleiner Freund lernt fliegen. Schließlich ist er ein Vogel. Du selbst hast doch mit ihm die ersten Flugversuche geübt. Nun will er aber hinaus in die Welt.“ Der junge Engelschüler nickt tapfer, aber er ist sehr traurig. „Weißt du Fabian, du hast dich so gut um ihn gekümmert. Dafür wird er dir immer dankbar sein. Aber du musst dich daran gewöhnen, dass er nicht immer bei dir bleiben wird“, erklärt die Sonne dem jungen Engelschüler. Als hätte der kleine Piepmatz das Gespräch mitangehört, hüpft er plötzlich auf Fabians Schoß und schmiegt sich an ihn. 

Oberengel Gabriel, der gerade in den himmlischen Schlafsaal gekommen ist, hat nur den letzten Teil des Gespräches mitbekommen. Er nimmt sich einen Wolkenhocker und setzt sich zu seinem Engelschüler ans Bett. „Die Sonne hat recht, Fabian. Es wird langsam Zeit, von Flaumi Abschied zu nehmen.“ Der junge Engelschüler hält den kleinen Piepmatz fest an sich gedrückt. Er schluchzt leise und dicke Tränen tropfen auf Flaumis Fell. Oberengel Gabriel legt seinen Arm um Fabian. „Fabian, du musst nicht weinen. Willst du nicht auch, dass Flaumi andere Vogelfreunde findet, mit denen er spielen kann?“ „Doch“, schluchzt Fabian, „aber ich werde ihn schrecklich vermissen.“ „Natürlich wirst du ihn vermissen, das ist doch ganz normal. Aber glaub mir, Flaumi wird dich nie vergessen. Und ich bin mir sicher, er wird dich ganz bestimmt besuchen.“ Fabian nickt. Liebevoll streichelt er über Flaumis Köpfchen. Dann setzt er ihn behutsam in seine Hand und streckt diese zum Fenster hinaus. „Flieg, meiner kleiner Freund, flieg in die Welt hinaus!“ flüstert er ihm zu. „Aber bitte vergiss mich nicht!“ Der kleine Piepmatz piepst ihm noch einmal fröhlich zu. Dann hebt er seine Flügelchen und lässt sich vom Wind tragen. „Und du Winnie, du begleitest Flaumi ein Stück und passt auf, dass ihm nichts passiert“, gibt Oberengel Gabriel der kleinen Windböe den Auftrag. 

Lange steht Fabian noch am Fenster und winkt seinem kleinen Freund nach. „Und was machen wir jetzt mit Flaumis leerem Nest“, fragt er traurig. Da hat Oberengel Gabriel eine Idee. „Wie wäre es, wenn du daraus ein Geschenk für Sara bastelst und ihr einen Brief schreibst. Dann weiß sie, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Was meinst du?“ „Oh ja!!!“ ruft Fabian und klatscht fröhlich in die Hände. Damit sind auch seine Tränen ein bisschen getrocknet. 


Illustration: Oskar Pointecker 

Text: Sabine Aigner