2. Dezember

  • © Oskar, Pointecker
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 Fabian, der Pechvogel 


„Dann kommt mal mit ihr beiden!“, sagt Oberengel Maria. Fabian und Franzi schauen sich an. Sie sind gespannt, welche Aufgabe Oberengel Maria für sie vorbereitet hat. Fabian hat kein gutes Gefühl, während er ihr in das himmlische Postamt folgt. Fast wäre er dabei wieder einmal über sein viel zu langes Engelskleid gestolpert. „Mist!“ murmelt er, aber so leise, dass es nur Franzi hören kann. Der junge Engelschüler ist bekannt für sein gutes Herz, aber auch für seine Tollpatschigkeit. Damit hat er schon für so manchen Ärger gesorgt. Oberengel Maria war schon oft wütend auf ihn. Aber heute ist sie ausnahmsweise einmal besonders nett. 


„So, hier sind wir,“ sagt Oberengel Maria als die beiden das himmlische Postamt betreten. Marias Engelshelferinnen sitzen in rotgepolsterten Sesseln rund um den riesigen, dunklen Holztisch. Dort stapeln sich Lexika, Wörterbücher und Fachzeitschriften. Die Wünsche der Kinder sind vielfältig und ändern sich von Jahr zu Jahr. Der Fortschritt macht auch vor den Engeln nicht halt. So sitzt eine Helferin eifrig am Computer und googelt die neuesten Spiele und Erfindungen, während eine andere Engelhelferin mit dem Wörterbuch versucht, die unmöglichsten Ausdrücke zu entziffern. Die beiden jungen Engelschüler sind mächtig beeindruckt. Normalerweise ist es ihnen nicht gestattet, diesen Raum überhaupt zu betreten. 


„Seht ihr da drüben den großen Stapel? Das sind alles Wunschbriefe, die sorgfältig geöffnet werden müssen. Der Name der Kinder, ihre Wünsche, der Wohnort, das alles muss noch lesbar sein“, erklärt Oberengel Maria. „Franzi, du kannst schon einmal anfangen. Mach einen ordentlichen Stapel und gib ihn dann Engelshelferin Magda. Sie ist für die Namensliste der Kinder mit den dazugehörigen Geschenken zuständig. Diese Liste ist für das Christkind. Die braucht es, damit alle Geschenke richtig ausgeliefert werden.“ Franzi nickt eifrig. Er freut sich, dass er bei einer so wichtigen Aufgabe helfen darf. Und so schwierig kann das doch nicht sein. 

„Und du Fabian, du kannst dich hier nützlich machen“, sagt Oberengel Maria und öffnet eine weitere Türe, die sie aber schnell wieder schließt. „Huh! Was ist das? Warum zieht es hier so schrecklich?“ Fabian ist etwas erschrocken. „Hier, mein lieber Fabian, hier landen alle Briefe, die von den Kindern per Luftpost zum Christkind geschickt werden. Sie kommen alle mit einem Luftballon. Deine Aufgabe ist es, den Brief vom Ballon zu trennen und zu stapeln. Die Briefe bringst du dann ebenfalls zu Engelshelferin Magda. Die Ballone bindest du an diese Stange, die brauchen wir später noch. Damit schmücken wir den himmlischen Ballsaal für die große Engels-Party am Weihnachtsabend“, erklärt Oberengel Maria. Fabian nickt. 

Lieber wäre er heute Oberengel Gabriels Helfer gewesen, aber so kann er zumindest Oberengel Maria beweisen, dass sie sich auch auf ihn verlassen kann. „Das bekomme ich sicher hin,“ verspricht Fabian. 

„Eines ist noch ganz wichtig! Lass nie die Türe zur großen Schreibstube offen! Das könnte böse enden!“ ermahnt Oberengel Maria ihn noch. Dann lässt sie Fabian allein. Die nächste Stunde ist nicht viel zu tun. Alle paar Minuten kommt ein Luftballon. Fabian löst vorsichtig den Brief. Er legt ihn auf einen Stapel und bindet den Luftballon sorgfältig an die Stange. Dann tut sich eine Zeitlang gar nichts. Also beschließt Fabian, die Pause zu nutzen. Er will Engelshelferin Magda die Briefe bringen. Tja, und auch Engel müssen mal. Vorsichtig öffnet er die Türe und schlüpft schnell hindurch. 

„Oh nein!“ Bitte nicht! Halt!“ ruft Fabian. Als er wieder zurückkommt, passiert das Missgeschick. „Nein, nein! Bitte nicht! Stopp!“ ruft Fabian verzweifelt. Während seiner kurzen Pause sind jede Menge Luftballons eingetroffen. Als Fabian nun die Türe öffnet, fliegen ihm schon unzählige Luftballone um die Ohren. Der Engelschüler stolpert und landet auf seinem Hinterteil. Die Tür bleibt einen Moment zu lange offen. Schon fliegen die Luftballone durch die himmlische Schreibstube. Ein Windstoß erfasst den Stapel der Briefe am großen, runden Holztisch. Er wirbelt alles durcheinander. Die Engelshelferinnen kreischen. Welch ein Durcheinander! „Oh nein, oh nein“, jammert Magda, „jetzt kann ich mit der ganzen Liste noch einmal von vorne anfangen!“ Fabian hat es mittlerweile geschafft, die Türe wieder zu schließen. Aber es ist zu spät. Die Luftballone baumeln an der Decke, die geöffneten Briefe liegen über den Fußboden verstreut. Dicke Tränen kullern über Fabians Wangen. Oberengel Maria wird wieder einmal schrecklich enttäuscht sein von ihm. Ob er das wiedergutmachen kann? 


Illustration: Oskar Pointecker 

Text: Sabine Aigner