Ein sattelfestes Handwerk

  • © Daniel, Gollner

Es ist einer dieser lang herbeigesehnten wärmenden Maitage im Jahr, als Kurt Freimüller die Tür zu seiner Werkstatt öffnet. Die Sonne blinzelt durch sattgrüne Baumwipfel hindurch und zeichnet tanzende Bilder auf die Wasseroberfläche der Hallegger Teiche, einem idyllischen Naturschutzgebiet nur wenige Kilometer entfernt vom großen hippen Bruder, dem Wörthersee. Inmitten dieses Kleinods liegt sie, die Sattlerei von Kurt. Die Leidenschaft zum Handwerk wurde ihm in die Wiege gelegt, schon als Kind war er fasziniert davon, verschiedenste Gebrauchsutensilien aus Leder von Hand herzustellen. Dennoch wählte er vorerst einen anderen Berufs- und Lebensweg, absolvierte Matura und entschied sich für das Medizinstudium an der MedUni Wien. „In der Großstadt war ich jedoch total entwurzelt, das hat mir gar nicht entsprochen.“ Die Freiheit und das Wilde suchend, zog es ihn im Zuge einer Ferialarbeit in die Vereinigten Staaten, wo er auf einer Ranch in Wyoming als Cowboy sein täglich Brot verdiente und das erste Mal mit dem Beruf des Sattlers in Berührung kam. Eine richtungsweisende Begegnung, denn wieder in der Heimat angekommen, hängte er sein Studium kurzum an den Nagel und absolvierte stattdessen die Lehre zum Sattler im niederösterreichischen Triestingtal.

Der Weg zum Sattlermeister

  • © Daniel, Gollner

Nach erfolgreichem Abschluss folgte der Zivildienst, eines der wichtigsten und schönsten Jahre, wie Kurt rückblickend feststellt: „Anschließend stand ich vor der Entscheidung, wo und wie ich meinen erlernten Beruf ausüben werde. Innerhalb von Österreich war es irrsinnig schwer, etwas zu finden und mein Ziel war ohnedies, spätestens mit 24 Jahren als Sattlermeister selbstständig zu sein.“ Um die wenigen Jahre bis dorthin zu überbrücken, folgte er dem Ruf der Ferne, packte das Notwendigste sowie sein Werkzeug in seinen Wagen und schlug den Weg in Richtung Süden ein, Spanien als ersehntes Ziel fest vor Augen. Quer durchs Land führte sein Roadtrip, bis er – in Andalusien angekommen – seine Zelte aufschlug und Arbeit bei den einheimischen Sattlereien fand. „Während meiner Lehre in Niederösterreich bekamen wir immer wieder südspanische Sättel zur Reparatur und Anpassung. Schon damals faszinierte mich der Aufbau dieser besonderen Hirtensättel, Montura Vaquera genannt.“

 

Prägende Lehrjahre in Andalusien

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Dort gestrandet, wo der Sattelbau der Vaqueras seinen Ursprung hat, tauchte er vollends in diese Handwerkskunst ein: „Die Zeit in Andalusien war beruflich unheimlich wichtig für mich, das Level meiner handwerklichen Fähigkeit hat sich total verändert.“ Lange Arbeitstage wurden zum Alltag, die zahlreichen Überstunden zählte keiner, Wochenende und Urlaub rückten als einst vertraute Worte zunehmend in die Bedeutungslosigkeit. Was blieb, waren prägende Monate: „Wer viel arbeitet, wird automatisch besser. In Andalusien ist das Handwerk mit dem Material Leder sehr verbreitet und wichtiger Bestandteil des ländlichen Lebens, die Konkurrenz groß, die Freizeit begrenzt.“ Heute weiß Kurt: „Ich habe mich in diesem Land wahnsinnig wohl gefühlt und ein großer Teil meines Herzens ist sicherlich dort geblieben. Aber es braucht eine gewisse Zeit um wahrzunehmen, ob man für immer bleiben will oder nicht.“ So schön es war, so gab es doch gewisse Aspekte, die ihn letztlich dazu bewogen, heimzukehren. Die damaligen Arbeitsbedingungen, der Umstand, nicht versichert zu sein und die unausweichliche Tatsache, dass der Zugang zur Kreatur Tier ein gänzlich anderer war, als er es kannte und sich wünschte, ließen ihn weiterziehen. Die mögliche Zwischenlösung, noch einige Jahre dranzuhängen, empfand Kurt als Zeitverschwendung: „Ich wusste, dass ich mich neu orientieren muss, ansonsten wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“


Heimkehrer

Einst in Pörtschach am Wörthersee aufgewachsen, suchte er sich in der Nähe seiner Wurzeln den geeigneten Platz, um den Traum von der eigenen Sattlerei wie erhofft in die Realität umzusetzen. Inmitten des Naturschutzgebietes der Hallegger Teiche wurde er fündig und funktionierte eine alte Mühle zur Werkstatt um. Wer als Kunde oder neugieriger Besucher den Weg hierher sucht, wird sich im ersten Moment an den Wilden Westen erinnert fühlen. Reparierte Westernsättel warten auf ihre Abholung, schmucke Gürtelschnallen, Zügel und Lassos zieren die Wände, der Geruch gegerbten Leders erfüllt den Werkraum. Außerhalb – entlang des Paddocks – beschnuppern Norikerwallach Henry und das österreichische Warmblut Maron die Gäste, ferner mustern zwei Hunde mit wachsamen Augen das Kommen und Gehen.

 

100 Stunden Arbeit für einen Sattel

Der Tag des Besuches ist noch jung, die erste Kundschaft wird gegen die Mittagszeit erwartet. Zeit genug, um seinen ganzen Stolz, einen selbst angefertigten Vaquera-Sattel, zu präsentieren. „Das Verhalten dieses Sattels am Pferderücken ist perfekt, er passt sich diesem exakt an und windet sich in der Diagonalen in der Pferdebewegung mit.“ Was den verarbeiteten Materialien geschuldet ist, denn die Sättel, die Kurt fertigt, setzen sich aus reinen, natürlichen Rohstoffen zusammen. Die Rohhaut stellt er zum Teil eigenhändig her, die Wolle für die Polsterung kommt aus Österreich, lediglich das Leder stammt stückweise aus Spanien. Für den sogenannten Sattelbaum wird langes Stroh in Garben verwendet, welches er selbst auf den Feldern eines guten Freundes und Landwirts der Region mit der Sichel erntet. „Strohgarben, Leinen und Rohhaut werden an Kopf- und Eftereisen zusammengebunden, sodass sich einen stabile Konstruktion bildet. Dies ist der wesentliche Bestandteil des Sattels, welcher anschließend mit Leder und Fell verkleidet wird.“ Jeder Arbeitsschritt wird von Hand erledigt, die Lehrjahre im Ausland kommen ihm dabei zugute: „Man wird außerhalb Spaniens wahrscheinlich nicht viele Menschen finden, die das können.“ Für einen Vaquera-Sattel benötigt der Sattlermeister um die 100 Stunden. Kostenpunkt: 4000 Euro aufwärts. „Das klingt im ersten Moment natürlich nach viel Geld, aber wenn man bedenkt, dass industriell hergestellte Sättel, welche in Asien unter widrigen Bedingungen produziert werden, ebenso viel kosten, relativiert sich der Preis.“

Aus Liebe zum Tier

  • © Daniel, Gollner

Als Sattlermeister hat Kurt die Liebe zu den Pferden sprichwörtlich im Blut. „Tiere sind ein wichtiger Punkt in meinem Leben. Der gute Draht zu den Pferden ist in meinem Beruf enorm wichtig. Wenn dir das nicht am Herzen liegt, dann kannst du diesen Job eigentlich nicht machen. Schließlich geht es darum, das Tier materialtechnisch bestmöglich zu versorgen. Ohne Empathie funktioniert das nicht.“ Mag es ein schöner Umstand sein, jeden Tag mit diesen Geschöpfen zu arbeiten, so hat dies manchmal auch seine Schattenseiten. „Natürlich sehe ich vereinzelt Reitweisen und Umgangsformen, die weder meinem noch dem Naturell des Pferdes entsprechen. Gerade in den ersten Jahren hat mich das fast verrückt gemacht. Doch ich musste lernen, dass ich mit gut gemeinten Worten leider wenig Einfluss nehmen kann. Das war am Anfang sehr schwer für mich, weil ich nicht verstand, dass es diversen Menschen so schwer fällt, auf einen zu hören. Heute konzentriere ich mich ausschließlich darauf, gute Arbeit zu leisten. Das ist mein Anspruch, den kann ich beeinflussen. Jene Menschen, die keinen Wert auf eine gute Ausrüstung sowie ein freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Tier legen, jene Menschen sind auch nicht meine Kunden.“

 


One-Man-Show mit Handschlagqualität

Blickt man Kurt während seiner Arbeit über die Schultern, erkennt selbst der Laie, wieviel körperliche Anstrengung in den Lederwaren steckt, die er fertigt. „Mein Standbein besteht nicht allein aus der Herstellung des traditionellen, spanischen Hirtensattels, ich fertige Wanderreitsättel an, verkaufe Westernsättel und führe einen Handel für englische Sportsättel, iberische Sättel und Sättel nach Maß. Zudem repariere ich gebrauchtes Reitmaterial, arbeite an Aufpolsterungen, tausche alte Nähte aus und biete damit ein wichtiges Service für alle Reiter in Kärnten und dem restlichen Österreich an. Alles, was ab einer Materialstärke von über zwei Millimeter dickem Leder gefertigt wird, fällt in meinen Tätigkeitsbereich. Das sind in weiterer Folge Zügel, Zaumzeug, Riemen, Gürtel, Arbeitstaschen, Jagdzubehör und Utensilien für den Bogensport.“

 

Freigeist im Herzen

Wenn Kurt die Türen nach getaner Arbeit schließt, wartet unweit von seiner Werkstatt entfernt ein kleiner, vier Hektar großer Bauernhof auf die Bewirtschaftung. Es ist ein kleines behütetes Reich mit zufriedenen Hühnern, einem Fischteich voller Leben und saftig-grünen Wiesen für seine Vierbeiner: „Hier habe ich die Möglichkeit, meinen Pferden optimale Haltebedingungen zu ermöglichen.“ Als Ruhepol und Ausgleich dient ihm der Wörthersee. Mit dem Boot hinauszufahren, über die sanften Wellen zu schaukeln, die Angel dabei stets in Griffweite, das lässt Ruhe und Raum für neue Gedanken in seine Seele einkehren. Die Freiheit fortwährend suchend und der Natur stets verbunden, das sind prägende Werte für ihn. Auf die Frage, ob er denn an einem lauen Sommerabend gelegentlich auf einen After-Work-Drink entlang der Seeterrassen anzutreffen ist, schmunzelt er lediglich: „Das kann schon mal vorkommen, aber längst nicht mehr so oft wie früher.“