3. Dezember.

  • © Oskar, Pointecker
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Fabian und der Wirbelwind 


Fabian liegt in seinem Wolkenbett und hat das Gesicht fest in seinem Kissen vergraben. Er schluchzt leise vor sich hin. Oberengel Maria war nicht nur enttäuscht, sondern richtig wütend. Dabei wollte er ihr noch alles erklären. Aber sie hat ihm nicht mehr zugehört. Weggeschickt hat sie ihn und dabei gerufen: „Fabian, du natürlich! Wenn es irgendwo Chaos gibt, dann bist du mittendrin. Bitte lass alles liegen und geh! Sofort! Ich will dich hier nicht mehr sehen.“ Dabei wollte Fabian noch beim Aufräumen helfen. 

„Na, na! Was ist denn mit dir los?“ fragt Winnie, der lustige Wirbelwind und tänzelt um Fabian herum. Dabei bläst er dem jungen Engelschüler einen kühlen Windhauch unter sein Engelkleid und wirbelt seine blonden Locken durcheinander. „Lass mich in Ruhe“, murmelt Fabian. „Deine Freunde und du, ihr habt mir heute schon genug Ärger gemacht.“ Winnie wird plötzlich still. Der junge Engelschüler tut ihm leid. „Wir?“ fragt er neugierig, „aber wieso? Bei uns war heute alles ruhig und gemütlich. Wir waren weder aufbrausend noch haben wir uns stürmisch gestritten. Los, erzähl mir, was passiert ist“, fordert der Wirbelwind den kleinen Engelschüler auf. 

Fabian setzt sich auf. Er schnieft noch einmal laut. Da er kein Taschentuch hat, wischt er sich einfach in den Ärmel seinen Engelkleides. „IIIIH, Fabian!“ ruft Winnie! Doch dann hört er sich Fabians Geschichte an. Der Wirbelwind seufzt: „Ach Fabian, das war echt Pech. Du kannst nichts dafür, aber wir können auch nichts dafür. So etwas passiert immer dann, wenn irgendwo gleichzeitig eine Tür und ein Fenster offen sind. Ich zeige es dir“, sagt Winnie. „Schau, auf deinem Tisch liegen zwei Blätter. Du öffnest die Türe und ich komme noch einmal ganz langsam zum Fenster herein.“ Tatsächlich, in dem Moment, in dem sich Fenster und Tür öffnen, fliegen die Blätter durch den Raum. 

„Ja…ich habe verstanden…aber trotzdem ist Oberengel Maria böse“, sagt Fabian traurig. „Ich würde es so gerne wiedergutmachen.“ Wirbelwind Winnie überlegt kurz und sagt: „Ich denke, ich habe eine Idee. Weißt du, auf meinen Reisen komme ich viel herum. Da sehe ich viele tolle Sachen. In vielen Städten haben die Leute kaum Platz, ihre Wäsche im Haus aufzuhängen. Sie spannen einfach ein Seil über die Gasse. Mit einem Seilzug wird ein Wäschestück nach dem anderen nach draußen befördert. 

Das Abnehmen funktioniert ebenso. Ich denke, so eine Vorrichtung könnte auch in der himmlischen Schreibstube hilfreich sein. Dann kann niemand von uns mehr Schaden anrichten, weil alle Briefe festgeklammert sind“, sagt Winnie. Fabians Miene hellt sich auf. „Winnie, das ist eine tolle Idee!“ ruft er begeistert. „So könnte ich nicht nur Oberengel Maria eine Freude machen, sondern etwas basteln, das allen hilft, sogar dem Christkind. Das wäre schon etwas!“ Ich habe auch schon eine Idee, wer mir dabei helfen kann.“ 

Schnell läuft Fabian in die himmlische Werkstätte. Oberengel Manuel hilft ihm bestimmt. Als Fabian ihm von seinem Vorhaben erzählt, ist er natürlich sofort einverstanden. Er mag den jungen Engelschüler. Fabian hat ein gutes Herz und er will nie jemanden absichtlich ärgern. Während also in dieser Nacht alle Engel in ihren Himmelsbetten liegen, machen sich Oberengel Manuel und Engelschüler Fabian ans Werk. 

Als Oberengel Maria am nächsten Morgen mit ihren Engelhelferinnen das himmlische Postamt betritt, staunt sie nicht schlecht. Über ihren Köpfen hängt ein Seil und daran klammern die Wunschbriefe der Kinder. Mit einer Kurbel wird das Seil bewegt. Eine Engelhelferin öffnet die Briefe und befestigt sie am Seil. Die andere Engelhelferin nimmt den Brief ab, trägt die Daten in ihre Liste und verstaut den Brief dann sicher in einem großen Karton. So kann selbst der stärkste Windstoß kein Chaos mehr anrichten. Oberengel Maria ist begeistert. „Aber wie, aber wer, aber wieso...“, stottert sie und schaut sich fragend um. Oberengel Manuel legt den Arm um sie. „Unser Fabian wollte wiedergutmachen, was gestern hier passiert ist. Er hat sich Gedanken gemacht, wie er dir endlich einmal eine Freude machen kann. Ich denke, die Überraschung ist ihm diesmal gelungen, oder?“, zwinkert Manuel ihr zu. „Oh, ähm, tja…ähm…ja…das…das ist wirklich eine… eine gute Idee und eine schöne Überraschung“, stammelt Oberengel Maria. „Du kannst es Fabian gerne selbst sagen, er freut sich bestimmt“, sagt Oberengel Manuel lachend, „er steht vor der Türe und wartet. Herein hat er sich nicht mehr getraut, nachdem du ihn gestern rausgeschmissen hast.“ Oberengel Maria errötet leicht. Sie weiß, dass sie manchmal etwas zu temperamentvoll ist. Sie geht nach draußen, zu dem jungen Engelschüler und umarmt ihn ganz spontan: „Danke Fabian, das hast du wirklich prima gemacht!“ sagt sie. Fabian ist glücklich und errötet vor Stolz. Aber zum Glück sieht es niemand von seinen Freunden. Das wäre ihm sonst doch ein bisschen peinlich. 

Illustration: Oskar Pointecker 

Text: Sabine Aigner