6. Dezember

  • © Oskar, Pointecker
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Fabian und das Himmelsfernrohr 


„Schau Fabian, das ist es, das Sternenheft, ein ganz besonderes Heft! Hier tragen wir ein, welche Kinder dem Christkind einen Brief geschrieben haben. Und hier drinnen steht auch die genaue Adresse der Kinder“, erklärt Oberengel Maria dem jungen Engelschüler seine Aufgabe. „Du musst also wirklich alles ganz, ganz aufmerksam beobachten und verlässlich hier eintragen, verstanden?“ fragt sie noch einmal. Fabian nickt eifrig! Er weiß, welche große Verantwortung das ist. 

In der Vorweihnachtszeit schreiben die Kinder auf Erden dem Christkind einen Brief mit ihren Wünschen. Damit diese Briefe auch rechtzeitig beim Christkind ankommen, steigen jede Nacht drei Engelhelferinnen die Himmelsleiter hinunter, sammeln die Briefe ein und bringen sie in das himmlische Postamt. Seit einigen Jahren nutzen ein paar Kinder auch die Erfindung der Luftpost. Damit aber die Engelhelferinnen genau wissen, wo die Briefe zum Abholen sind, gibt es den Beobachtungsposten am Himmelsfernrohr und den Eintrag in das wunderschöne Sternenheft. 

„Oh, oh! Ich bin zu klein“, jammert Fabian. So sehr er sich auch anstrengt und auch wenn er auf seinen Zehenspitzen steht, das Fernrohr ist immer noch nicht in Augenhöhe. „Hol dir schnell einen Wolkenhocker“, sagt Oberengel Maria. Gesagt, getan! Fabian flitzt in den Schlafsaal, schnappt sich seinen Wolkenhocker und klettert hinauf. „Perfekt!“ stellt er zufrieden fest. „Gut! Aber pass auf, dass du nicht herunterpurzelst! Und denk daran, du darfst das Fernrohr nicht verdrehen. Es wird jeden Morgen auf einen bestimmten Ort eingestellt. Wenn du daran herumspielst, dann bringst du alles durcheinander“, ermahnt ihn Oberengel Maria. „Und wenn du eine Pause brauchst, hier ist die Glocke. Klingle zweimal. Dann kommt entweder Engelhelferin Marie oder Magda und übernimmt für diese Zeit deine Aufgabe. Und noch etwas: Auch wenn deine Freunde noch so betteln, es ist und bleibt für euch verboten, das Himmelsfernrohr ohne unsere Erlaubnis auch nur anzufassen. Verstanden? Enttäusch mich bitte nicht!“ Oberengel Maria schaut den jungen Engelschüler lange und streng an. „Nein, das mache ich nicht, versprochen!“ antwortet Fabian. 

„Gut, dann lass ich dich jetzt mit deiner Aufgabe allein. Hast du alles? Das Heft, einen Stift…ach ja, und bitte, schreib so, dass wir alle deine Einträge auch lesen können,“ sagt Oberengel Maria noch. Sie kennt die Handschrift der jungen Engel. Ein Graus ist das manches Mal! „Ich strenge mich an“, verspricht Fabian. 

Dann ist er endlich allein. Seine Augen strahlen. Er fühlt sich plötzlich so erwachsen und so wichtig. Das Heft liegt aufgeschlagen neben ihm, der Stift ist gespitzt. „Soll ich stehen oder knien“, überlegt er. Erst probiert er es mit stehen. UIH, das ist eine recht wackelige Angelegenheit. „Lieber knien!“ flüstert Fabian. „Ja so ist es gut!“ seufzt er erleichtert. Noch ist es früh am Morgen. In dem kleinen Adventdorf ist alles ruhig. Er sieht einen schlanken, jungen Mann, der seine morgendliche Laufrunde dreht. Ein süßer kleiner Hund wedelt fröhlich neben ihm her. Die Bäckerei hat ebenfalls schon geöffnet. Fabian sieht zwei ältere Damen, die mit einem Korb voller frischer Semmeln herauskommen. „HMMM!“ Fabian läuft das Wasser im Mund zusammen. Sein Magen grummelt. Dabei hat er doch gerade erst gefrühstückt. Aber die kleinen Kuchen, mit Erdbeeren, Marzipan und Schokolade sehen so lecker aus. Er kann den Blick kaum von den Köstlichkeiten lösen. Tja, Fabian ist und bleibt eben ein kleines Schleckermäulchen. 

„BUHH!“ ruft plötzlich jemand hinter ihm. Um ein Haar wäre Fabian von seinem Wolkenhocker gepurzelt. Im letzten Moment kann er sich am Himmelsfernrohr festhalten. „Habe ich dich erschreckt?“ fragt Franzi, sein Freund, und grinst. „Und wie! Du spinnst wohl!“ ruft Fabian empört. „Und solltest du nicht bei Oberengel Gabriel sein?“ „Doch, aber der musste mal…du weißt schon…da geht selbst er allein hin“, zwinkert Franzi. „Also wollte ich die Gelegenheit nutzen und dich überraschen.“ „Das ist dir auch gelungen“, sagt Fabian. „Ich hoffe nur, ich habe das Fernrohr nicht verstellt, sonst bekomme ich mächtig Ärger“, murmelt Fabian. Vorsichtig schaut er hindurch. PUH! „Glück gehabt, die Süßigkeiten sind noch da!“ ruft Fabian. „Hmm???“ Franzi schaut ihn verständnislos an. „Ach nichts, alles gut! Du ich muss arbeiten!“ sagt Fabian ganz erwachsen. „Ja, ja, ich auch“, ruft Franzi und saust wieder los. 


Illustration: Oskar Pointecker 

Text: Sabine Aigner